22. Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe mahnt: Klimaschutz darf nicht zum Förderinstrument der Atomkraft werden!

Heute jährt sich die Tschernobyl-Katastrophe bereits zum 22. Mal. Die unmittelbare Betroffenheit ging längst verloren, sie wurde eher schon zu einem weiter entfernten geschichtlichen Ereignis. Es ist uns nicht bewusst, dass immer noch Zehntausende Menschen in den am schlimmsten betroffenen Gebieten unter den Folgen leiden und noch über Generationen leiden werden. Ungeachtet der Lehren aus Tschernobyl geht in Europa ein neues Gespenst um: die Renaissance der Kernenergie.

Die Tschernobyl-Katastrophe hat endgültig bestätigt, was bereits zum damaligen Zeitpunkt erkennbar war: Die sogenannte zivile Nutzung der Kernenergie ist eine energiepolitische Sackgasse, ein gescheitertes Experiment.

Diese Technologie hat sich als zu gefährlich und zu teuer erwiesen. Ihre offensichtlichen schwerwiegenden Mängel, die bereits zu Beginn der Kernenergienutzung bekannt waren, konnten bis heute nicht gelöst werden.

Auch die neueste AKW-Generation kann einen schweren Unfall mit großen Radioaktivitätsfreisetzungen nicht ausschließen, bei der Entsorgung hochradioaktiver Abfälle ist man seit 1950 keinen Schritt weitergekommen.
Angesichts der obigen Fakten erscheint es völlig absurd, dass die Atomkraft gerade heute vor einer Renaissance stehen sollte. Bis jetzt handelt es sich noch um eine herbei geredete Renaissance, da die Zahl der Reaktoren in der EU abnimmt und kaum konkrete Projekte begonnen werden. Dies könnte sich allerdings schlagartig ändern, wenn die Atomindustrie wieder offenen Zugang zu staatlichen Beihilfen und EU-Geldern bekommt. Nur mit solchen Beihilfen könnten die unrentablen AKW-Projekte in größerem Ausmaß realisiert werden.

Vor einigen Jahren entdeckte die Atomindustrie einen unerwarteten Rettungsanker, um wieder an eine massive Finanzspritze zu kommen – den Klimaschutz. Glühende Vertreter der Atomlobby, die niemals für Umweltfragen etwas übrig hatten, sind in der Zwischenzeit zu glühenden Klimaschützern geworden. Die Strategie ist klar: Die Risikowahrnehmung soll sich massiv zugunsten der Kernenergie verschieben, als nächster Schritt soll ihr Beitrag zum Klimaschutz auch finanziell belohnt werden.

Die Tschernobyl-Katastrophe führt uns jedoch vor Augen, dass das Risiko eines Kernkraftwerkes ungleich höher zu bewerten ist, als das mit dem Betrieb einer fossil befeuerten Anlage verbundene Risiko. Während der Beitrag eines Gaskraftwerks zum Treibhauseffekt im globalen Ausmaß kaum messbar ist, kann ein schwerer Unfall in einem Kernkraftwerk zur Verseuchung riesiger Gebiete führen und für Millionen Menschen unmittelbare schwerwiegende Folgen nach sich ziehen. Die Produktion von hochgefährlichen Abfällen, für deren Entsorgung es keine Möglichkeit gibt, stellt einen ähnlich großen Risikobeitrag dar. Es wäre daher der größte Fehler, den Treibhauseffekt mit Anlagen bekämpfen zu wollen, von denen ein ungleich höheres Risiko für die Menschheit ausgeht.

Leider sind alle Maßnahmen, die auf der EU-Ebene für den Klimaschutz realisiert werden, mit einer Förderung der Kernenergie verbunden. Je höher der Preis der CO2-Zertifikate, desto größer die Entlastung der Atomkraft. Es handelt sich um eine indirekte Förderung – durch die Belastung der Konkurrenz wird die Wettbewerbsfähigkeit nuklearer Anlagen verbessert. In der letzten Zeit sind aber auch Vorstöße in Richtung einer direkten Förderung zu verzeichnen. So verlangt der französische Präsident Sarkozy die Berücksichtigung des Beitrags französischer Kernkraftwerke zum Klimaschutz. Würde dieses Vorhaben gelingen, so würden dem französischen Stromriesen EdF Milliarden aus dem Klimaschutz zufließen. Dies würde die Renaissance der Kernenergie zur ökonomischen Realität machen.

Gedenken der Opfer von Katastrophen ist wichtig. Noch viel wichtiger ist es jedoch, aus Katastrophen Lehren zu ziehen und dafür zu sorgen, dass sie sich nicht mehr wiederholen können. Die Verhinderung der Renaissance der Kernenergie unter dem Mantel des Klimaschutzes wird für alle umweltbewegten Menschen in den kommenden Monaten und Jahren zu einer großen Herausforderung werden.

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