Falscher Jubel über einen faulen Kompromiss

Im Tauziehen um den CO2-Ausstoß von Neuwagen bleiben Effizienz und der Klimaschutz auf der Strecke

Nach einem seit dem letzten Sommer andauernden Tauziehen über die Grenzwerte des CO2-Ausstoßes von neuen PKW´s in der EU gibt es nun eine Einigung. Leider muss man diese Einigung als faulen Kompromiss und vertane Chance für den Klimaschutz bezeichnen. Eine sehr unrühmliche Rolle spielte in diesem Prozess die deutsche Bundesregierung. So verlangte Bundeskanzlerin Merkel zunächst sogar eine Verschiebung der für 2020 vereinbarten Obergrenze von 95g CO2 / km um vier Jahre. Im Rahmen des nun erzielten Kompromisses gibt es eine Verschiebung um ein Jahr sowie zusätzliche „Erleichterungen“ für die Autoindustrie, welche das anvisierte Ziel weiter erheblich Verwässern.

Fiktives Ziel für fiktive Fahrzeuge

Auch ohne die oben genannten Verschiebungen und Erleichterungen für die Autoindustrie ist die Glaubwürdigkeit der vereinbarten Grenzwerte zu hinterfragen. Sie haben mit dem tatsächlichen CO2-Ausstoß der Fahrzeugflotte nämlich wenig zu tun. Bevor ich auf diese Problematik eingehe, möchte die vereinbarten Grenzwerte praxisnah erläutern. Wie bereits erwähnt, soll der mittlere Ausstoß der Fahrzeuge von 130 g CO2 im Jahr 2015 auf 95 g  im Jahr 2021 sinken. Welchen Verbrauchswerten entsprechen diese Zahlen?

Zunächst muss man zwischen Benzin und Diesel unterscheiden. Da 1 Liter Benzin leichter ist als 1 Liter Diesel, enthält er eine kleinere Energiemenge und seine Verbrennung setzt weniger CO2 frei, nämlich 2,33 kg (2,64 kg bei Diesel). Der mittlere Verbrauchswert für 2015 entspricht einem Verbrauch von 5,6 l Benzin oder 4,9 l Diesel. Wenn Ihnen diese Werte nicht realistisch vorkommen und Ihrer täglichen Erfahrung widersprechen, so sind Sie nicht alleine. In einigen Studien wird darauf hingewiesen, dass die tatsächlichen Verbrauchswerte um 36% (bei kleineren Fahrzeugen) bis zu 50% (bei größeren und schwereren Fahrzeugen) über den nach dem derzeitigen Messverfahren (Normzyklus) gemessenen Werten liegen.

Die Ursache liegt in der Konstruktion des Normzyklus selbst. Autobahnfahrten kommen gar nicht, im Stadtzyklus wird sehr, sehr langsam beschleunigt. Dadurch werden besonders schwere Fahrzeuge mit schlechten aerodynamischen Eigenschaften bevorzugt.

Der Hybrid-Betrug

Das Mogeln bei den Verbrauchsdaten für normale Fahrzeuge ist schon schlimm genug. Es wird allerdings durch die skandalöse Bestimmung des Verbrauchs von Hybridfahrzeugen noch übertroffen. Hier wird der ca. 11 km lange Prüfzyklus zweimal durchfahren. Im ersten Fall mit Elektroantrieb, hier wird kein Treibstoffverbrauch und auch keine CO2-Emission festgestellt. Dass die elektrische Energie auch eine Energieform ist  (und leicht in Liter Benzin oder Diesel umgerechnet werden kann) und die CO2-Emissionen bei ihrer Produktion ein Vielfaches erreichen können, wird einfach unter den Tisch fallen gelassen. Beim zweiten Mal wird der Zyklus mit Verbrennungsmotor gefahren. Die Werte der beiden Zyklen werden addiert und es wird ein Mittelwert genommen. Allerdings nicht ganz.

Selbst eine solche Mogelpackung – die Halbierung des ohnehin stark unterschätzten Verbrauches – reicht bei großen Modellen noch nicht aus, um unter die für mehrfache Anrechnung (ja, solche Fahrzeuge können bis zu drei mal angerechnet werden!) festgelegte Grenze von 50 g CO2 / km zu kommen. Dies entspricht einem Verbrauch von 2,15 l Benzin oder 1,9 l Diesel. Aus diesem Grund wird bei der Berechnung des Mittelwertes noch die Zahl 25 hinzugefügt. Die beiden Zyklen sind ca. 22 km lang, statt dessen wird durch 47 geteilt! Damit wird die Verbrauchs- und Emissionszahl noch einmal um 53% verringert. Jetzt geht sich die Sache endlich auch für große Spritfresser aus. Wenn sie sich über Verbrauchswerte von 1,8 Liter Diesel für 2 Tonnen schwere und 400 PS starke Fahrzeuge wundern, so wissen Sie nun, wie diese zustande kommen.

Fazit

Die derzeitigen CO2-Grenzwerte, basierend auf unrealistischer Verbrauchsbestimmung, stellen lediglich eine große Mogelpackung dar. Technischer Fortschritt und Klimaschutz bleiben auf der Strecke. Es wird daher notwendig sein, möglichst rasch neue auf realistischen Verbrauchsdaten basierende Regeln zu finden.

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