Geschmackloser Streit um Grazer Fernwärme verunsichert die Kunden

Möchten die Energieversorger den dringend nötigen Ausbau der Fernwärme sabotieren?

Die Fernwärme spielt für die Stadt Graz eine sehr wichtige Rolle, um die unbefriedigende Luftsituation zu verbessern. Ihr Anteil von derzeit ca. 40% soll bis zum Jahr 2030 weiter ausgebaut werden. Als potentieller Neukunde muss man allerdings derzeit den Eindruck gewinnen, dass man sich von Fernwärme lieber fernhalten sollte, um nicht frieren zu müssen. Auch die Bestandskunden werden verunsichert, das scheint den Energieversorgern allerdings auch egal zu sein, da diese keine Fluchtmöglichkeit haben. Den Grund für diese unbefriedigende Situation stellt der bereits seit Monaten öffentlich ausgetragene Streit um die Zukunft der Grazer Fernwärmeversorgung zwischen verschiedenen Energieversorgern dar.

Vereinfacht geht es darum, ob auch nach 2020 der Großteil der Fernwärme am Standort Mellach (Verbund, bisher ca. 80%) oder im Heizwerk Graz (Energie Steiermark, bisher ca. 6%, vorwiegend Ausgleich von Verbrauchsspitzen). Energie Steiermark kündigte den Ausbau des HW Graz an, um ab 2020 bei Bedarf die volle Versorgung übernehmen zu können. Der Standort Mellach könnte dann überflüssig werden, Verbund fürchtet um eine wichtige Einnahmequelle. Die Situation wird noch dazu durch die riesigen Verluste beim neuesten 550-Millionen-Gasdampfkraftwerk in Mellach verschärft, dessen Einmottung vorbereitet wird.

Beide Seiten versuchen es, durch Studien ihre Standpunkte zu untermauern. Das jüngste Produkt ist eine Studie des Umweltbundesamtes im Auftrag der Verbundgesellschaft, die auf eine erhöhte Belastung durch Stickoxide bei Verlagerung der Fernwärmeproduktion nach Graz hinweist. Allerdings wird hier die Situation nach einem Vollausbau im Jahr 2030 als Vergleichsgrundlage herangezogen. Die Verbrauchdaten für 2030 werden von einer Studie der Energie Graz übernommen, deren Zustandekommen im Dunkeln bleibt.

Im Jahr 2009 habe ich eine betreiberunabhängige Analyse der Fernwärmeversorgung von Graz ausgearbeitet, mit deren Hilfe einwandfrei nachgewiesen werden konnte, dass für die damals vom Grazer Bürgermeister forcierte zweite Fernwärmeleitung aus Mellach keinerlei Bedarf besteht. Damit konnte ich der Stadt eine Fehlinvestition von mindestens 50 Millionen € ersparen. Seit damals weiß ich ganz genau, dass man Auftragsgutachten von Energieversorgern mit großer Vorsicht behandeln und immer genau verifizieren muss. Nur eine von allen Interessen der Energieversorger oder Technologielieferanten unabhängige Analyse kann die für die Bedürfnisse der Stadt optimale Lösung ermitteln. Ich wundere mich deshalb sehr, dass die in Graz regierende Koalition bisher kein unabhängiges Gutachten in Auftrag gab, sondern den Energieversorgern mit ihren Partialinteressen das Feld überlässt.

Angesichts der bisherigen Entwicklung gewinnt man den Eindruck, dass man potentielle Kunden verschrecken und  um jeden Preis vom Umstieg auf die Fernwärme abbringen möchte. Vielleicht ist es für einige Versorger günstiger, wenn die Grazer Haushalte eher mit dem (von ihnen gelieferten) Gas oder Strom heizen. Diese Entwicklung geht jedoch auf Kosten der Umwelt und steht im krassen Widerspruch zu den bisherigen Plänen der Stadt Graz.

Der Streit erscheint umso absurder, wenn man bedenkt, dass sich alle beteiligten Streithähne (Energie Graz, Energie Steiermark und Verbund) im Mehrheitsbesitz der öffentlichen Hand befinden und ihre Vorstände und Aufsichtsräte maßgeblich nach politischen Kriterien besetzt werden. Man kann von den zuständigen PolitikerInnen wohl erwarten, dass sie Eigentümerinteressen vertreten, anstatt wildgewordenen Managern das Feld für ihre Machtspiele zu überlassen. Dabei bleiben nämlich Umwelt-, Kunden- und Steuerzahlerinteressen auf der Strecke.

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