Ist Österreich tatsächlich von Stromimporten abhängig?

Die stark steigenden Stromimporte in den letzten Jahren werden immer öfter als Argument für die Notwendigkeit der Errichtung neuer Produktionskapazitäten verwendet. Im Jahr 2015 erreichte der Importüberschuss einen neuen Rekordwert von 10058 GWh ( 14,3 % des Inlandsstromverbrauches). Anlass genug, einen unabhängigen Blick auf die Entwicklung zu werfen und der Frage nachzugehen, ob Österreich tatsächlich auf diese Stromimporte angewiesen ist und die Errichtung zusätzlicher Produktionskapazitäten daher unvermeidlich ist.

Die nachfolgende Grafik zeigt die Entwicklung des Exportsaldo (Exporte minus Importe) in den letzten 15 Jahren:

Während Österreich zu Beginn der dargestellten Periode noch Netto-Stromexporteur war (im Jahr 2000 betrug der Exportüberschuss 1296 GWh), ist im Zeitraum 2003-2008 ein starker Anstieg der Netto-Importe zu beobachten. Im Jahr 2009 wird plötzlich eine nahezu ausgeglichen Bilanz erreicht, während ab 2010 wieder ein starker Anstieg der Importe sichtbar wird. Wie sind so starke Schwankungen innerhalb eines so kurzen Zeitraumes zu erklären?

Der inländische Stromverbrauch stieg im betrachteten Zeitraum um 19,5% an. Der gesamte Anstieg fand in den Jahren 2000-2010 statt, seit 2010 stagniert der Stromverbrauch. Die Brutto-Engpassleistung der Produktionsanlagen stieg im gleichen Zeitraum um 36,6% an. Dies ist kein Hinweis auf Mangelerscheinungen und liefert daher keine Erklärung für den massiven Anstieg der Stromimporte.

Da man von der Tatsache ausgehen muss, dass die Produktionskapazität im Bereich der erneuerbaren Energieträger Wasserkraft, Windkraft und Photovoltaik bestmöglich ausgenutzt wird, muss die Ursache der Entwicklung im Bereich der thermischen Kraftwerke gesucht werden. Ihre installierte Leistung stieg im betrachteten Zeitraum jedoch um 23%, also stärker als der Stromverbrauch. Auch in diesem Bereich sind demnach keine Mangelerscheinungen ersichtlich.

Warum kann mit einer relativ zum Stromverbrauch höheren installierten Leistung der inländische Bedarf in den letzten Jahren nicht mehr gedeckt werden? Die Ursache kann aus logischen Gründen nur in der Ausnutzung der vorhandenen Produktionskapazität der thermischen Kraftwerksanlagen liegen. Ein Blick in die Statistik bestätigt diese These. Während im Zeitraum 2006-2008 noch Ausnutzungsgrade von 46-49% erreicht wurden, liegen sie in den vergangenen drei Jahren 2013-2015 bei lediglich ca. 26%. Der Rückgang der Stromproduktion aufgrund der gesunkenen Ausnutzung der thermischen Kraftwerke kann mit 14970 GWh beziffert werden. Im Falle der Beibehaltung des (ohnehin niedrigen) Ausnutzungsgrades der Jahre 2006-2008 könnte Österreich heute mit ca. 5000 GWh Exportüberschuss zu den relativ größten Stromexporteuren Europas zählen.

Die obigen Ausführungen belegen sehr deutlich, dass der Anstieg der Stromimporte der letzten Jahre nicht auf einen Mangel an Produktionskapazitäten zurückgeführt werden kann, sondern ausschließlich auf kaufmännische Entscheidungen der Stromversorger, die billigen Importstrom der eigenen Produktion vorziehen. In Wirklichkeit sind große Überkapazitäten in der Stromproduktion vorhanden. Es ist daher unseriös und unzulässig, das Vorhandensein eines hohen Importsaldo der letzten Jahre als Argument für die Errichtung neuer Produktionskapazitäten heranzuziehen.

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