Murkraftwerk Graz als Testlauf für künstliche Ankurbelung des Stromverbrauches – Strom soll in Niedertemperaturwärme umgewandelt werden

Skandalöse Vernichtung hochwertiger Energie im großen Stil würde zu massiven ökonomischen und ökologischen Schäden führen

Nach ernsthaften Zweifeln über seine Wirtschaftlichkeit ist das umstrittene Murkraftwerksprojekt in Graz ist mit einem weiteren Skandal konfrontiert. Laut Aussagen des Projektbetreibers sollen zumindest 25% seiner Stromproduktion unter dem Slogan „Power to Heat“ in Niedertemperaturwärme umgewandelt werden. Zu diesem Zweck soll eine eigene Stromleitung zur Fernwärmezentrale in der Puchstraße gebaut werden. Damit wird der Stromverbrauch künstlich in die Höhe getrieben. Das Märchen von der dringend benötigten elektrischen Energie, welches im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung zur Zuerkennung des „öffentlichen Interesses“ führte, wird dadurch Lügen gestraft. Gerade das öffentliche Interesse stellt jedoch den einzigen Grund für die Genehmigung des aufgrund der zahlreichen negativen Umweltauswirkungen nicht genehmigungsfähigen Projektes dar.

Geht es nach den Vorstellungen der E-Wirtschaft, sieht es bald nicht nur in Graz so aus…
Foto: Martina Kolaric

Die von den Projektbetreibern beabsichtigte Umwandlung von elektrischer Energie in Niedertemperaturwärme stellt einen energiewirtschaftlichen Barbarenakt dar. Beinahe die gesamte in der elektrischen Energie enthaltene nutzbare Energie, die in aufwändigen Prozessen mit negativen Umweltfolgen hergestellt werden musste, wird bei diesem Vorgang vernichtet.

Energie wird zwar meist in Kilowattstunden gemessen, es handelt sich jedoch je nach Energieträger und Temperaturniveau um Produkte unterschiedlicher Qualität. Elektrische Energie stellt die qualitativ hochwertigste und vielseitigste Energieform dar. Sie ist zur Gänze nutzbare Energie (sog. Exergie) und kann nahezu verlustfrei in Elektromotoren in Bewegungsenergie umgewandelt werden. Außerdem ist sie für den Betrieb elektronischer Geräte und Beleuchtung unersetzlich. Ihre Erzeugung ist allerdings aufwändig, kostspielig und mit negativen Umweltauswirkungen verbunden. Aus den genannten Gründen muss elektrische Energie sparsam und unter Berücksichtigung ihrer Qualität eingesetzt werden.

Die Niedrigtemperaturwärme beinhaltet hingegen nur wenige Prozente nutzbare Energie und gilt daher als die minderwertigste Energieform. Sie kann leicht durch Abwärme aus Industrie und KWK-Anlagen oder durch thermische Nutzung der Sonnenenergie bereitgestellt werden. Durch thermische Sanierungsmaßnahmen kann ihr Bedarf außerdem dauerhaft stark reduziert werden. Bei der Umwandlung elektrischer Energie in Niedertemperaturwärme, wie in Graz geplant, kommt es zum stärksten Exergieverlust. Nahezu die gesamte nutzbare Energie wird vergeudet.

Der Stromverbrauch zeigt seit einigen Jahren trotz Wirtschaftswachstum eine stagnierende Tendenz. Dies ist eine Folge von langsam greifenden Effizienzmaßnahmen. Trotzdem sind noch zahlreiche ineffiziente Technologien in Betrieb, allen voran die Elektroheizung und elektrische Warmwasserbereitung. Ein gezielter Ersatz dieser Verbraucher könnte zu einer starken Reduktion des Stromverbrauches sowie zur Verbesserung der Energieeffizienz führen. Anstatt solche Maßnahmen zu setzen, soll nach den Vorstellungen der Stromversorger die E-Heizung – unter einer neuen Verpackung als „Power To Heat“ – massiv ausgebaut werden. Die Technologie von Power to Heat stellt keine Innovation, sondern lediglich eine besser klingende Beschreibung für einen überdimensionalen Wasserkocher dar.

Im Wärmesektor werden große Energiemengen umgesetzt. Sein Verbrauch liegt höher als derjenige der gesamten Stromversorgung. Beim Vorstoß in den Wärmebereich könnten die Stromversorger nahezu beliebige Strommengen loswerden und den Stromverbrauch künstlich in die Höhe treiben – mit fatalen Folgen. Und das ist auch ihr Ziel, wie ich bereits in meinem Blogbeitrag zur Strategie „Empowering Austria“ ausgeführt habe. Die damit verbundene Abwertung der elektrischen Energie wäre mit einem erhöhten CO2-Ausstoß verbunden. Der damit verbundene geplante Ausbau des restlichen Wasserkraftpotentials würde die letzten verbliebenen Flussläufe unwiederbringlich zerstören und dramatische Umweltschäden verursachen.

Da die E-Wirtschaft offensichtlich keine verantwortungsvolle Investitionspolitik betreiben kann, muss die Politik handeln. Die öffentliche Hand muss der E-Wirtschaft die freien Finanzmittel entziehen und dafür sorgen, dass diese Mittel statt in den Bau nicht benötigter Kraftwerke in eine große Effizienzoffensive fließen, von der alle profitieren. Ungehemmter Ausbau, falscher Einsatz von Energieträgern und Absenz von Effizienzmaßnahmen, wie derzeit praktiziert, führen direkt in die ökologische und wirtschaftliche Katastrophe.

5 Antworten auf Murkraftwerk Graz als Testlauf für künstliche Ankurbelung des Stromverbrauches – Strom soll in Niedertemperaturwärme umgewandelt werden

  • schön wären die belege für „Laut Aussagen des Projektbetreibers sollen zumindest 25% seiner Stromproduktion unter dem Slogan „Power to Heat“ in Niedertemperaturwärme umgewandelt werden. Zu diesem Zweck soll eine eigene Stromleitung zur Fernwärmezentrale in der Puchstraße gebaut werden.“! Gibt es diese bzw. sind diese zugänglich?

  • Ein Nachtrag zum Anteil der zu verheizenden Energie aus dem Murkraftwerk:
    Die Angabe von 25% stammt vom Sprecher der Energie Steiermark Urs Harnik im Rahmen einer Live-Diskussion von Kleine Zeitung am 10.2.2017. Es muss allerdings angemerkt werden, dass diese Angabe nicht überprüfbar ist. Existiert die Leitung einmal, können beliebige Energiemengen übertragen werden. Es könnte also im Extremfall die gesamte Produktion des Murkraftwerkes „verheizt“ werden.

  • Wenn der vom Murkraftwerk erzeugte Strom für den Betrieb der Fernwärmepumpen verwendet wird (dafür sollte die Leistung auch im Winter reichen), dann ist das betriebswirtschaftlich gesehen auch „Power-to-heat“. Der Betreiber spart sich den Zukauf von teurem Spitzenstrom, den er zum Betrieb der Pumpen ansonsten zukaufen müsste.

    • Da muss ich Ihnen widersprechen. Der Betrieb von Pumpen für die Fernwärmeleitung hat nichts mit Power to Heat zu tun. Die Pumpen sind an das normale Stromnetz angeschlossen. Es gibt keinen Grund, warum man für ihren Betrieb ein neues Kraftwerk mit einer extra Leitung benötigen sollte. Die Pumpen benötigen keinen teuren Spitzenstrom. Den könnte das Murkraftwerk auch nicht liefern, das es Grundlast liefert. Und nicht zuletzt würde der Strom aus dem Murkraftwerk ein Vielfaches des aktuellen Strompreises kosten – also ein Verlustgeschäft.

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