Wer profitiert vom Scheinkrieg gegen nicht existierende Atomstromimporte? – Teil 2: Der Himmelvater und der böse Atomverbund

Eigentlich habe ich für Teil 2 ein anderes Thema eingeplant, aus aktuellem Anlass beschäftigt sich diese Folge jedoch mit einer seltsamen Facebook-Kampagne und ihren möglichen Hintergründen. In den letzten Tagen ist mir nämlich aufgefallen, dass ständig neue Facebook-Gestalten (diesen neutralen Ausdruck wähle ich, da es nicht klar ist, ob es sich um Frauen, Männer oder Unternehmen handelt) mit kreativen Namen wie „Schmäh Verbund“ oder „Atom Verbund“ wie Schwammerln nach dem Regen sprießen (das Wetter passt auch irgendwie dazu) – bisher bereits ca. 15 Spezies. Ihre Gruppenzugehörigkeit ist anhand des folgenden Profilbildes leicht erkennbar:

Auf den ersten Blick sieht es also nach besorgten AtomgegnerInnen aus, welche die scheinheilige Geschäftspolitik der Verbundgesellschaft kritisieren und gegen Atomstromimporte kämpfen. Die „Atomverbund-Gestalten“ gewinnen Freunde in einem atemberaubenden Tempo, obwohl sie keinerlei Informationen über sich preisgeben und in den meisten Fällen auch keine Inhalte auf ihren Pinnwänden anbieten. Über eine Facebook-Freundin habe ich dann doch Inhalte gefunden, die mich wegen ihrer offensichtlichen dreisten Falschheit wütend gemacht haben. So habe ich beschlossen, etwas Licht in diese Sache zu bringen.

Zunächst zum Inhalt, der mich in Rage brachte: Ein Vertreter der „Verbund-Spezies“ – ein gewisser Franz Verbund, studierte an der WU Wien – postete: „Im Moment, Donnerstag 21. Juli 2011 16:10 Uhr, fließen gerade 857 Megawatt Atomstrom von Tschechien nach Österreich. Die österreichische Verbundgesellschaft bedient sich de facto der AKWs Temelin und Dukovany. Protestieren Sie bitte direkt per Email an werner.faymann@spoe.at und michael.spindelegger@oevp.at“. Angeschlossen war auch ein Link zum Betreiber des tschechischen Hochspannungsnetzes CEPS a.s. Dieser veröffentlicht auf seiner Internetseite aktuelle Online-Daten über die physikalischen Stromflüsse über die Hochspannungsleitungen zu den Nachbarländern. Nachfolgend präsentiere ich ein Flussdiagramm zum Zeitpunkt, als ich den Beitrag von Franz Verbund gelesen habe:

Auf den ersten Blick würde man sagen, dass sich die Situation einen Tag später noch verschlimmerte – nun flossen bereits 1341 MW „Atomstrom“ aus Tschechien nach Österreich! Das heißt das AKW Temelin arbeitete bereits zu 75% für Österreich! Der Experte Franz Verbund hat demnach offensichtlich ein riesiges Atomgeschäft aufgedeckt.

Beim genauen Hinsehen entpuppt sich das Ganze allerdings als haarsträubender Unsinn und Irreführung. Die Verbundgesellschaft konnte sich des AKW Temelin gar nicht bedienen, da beide Temelin-Blöcke derzeit wegen Brennstoffwechsel und Wartungsarbeiten außer Betrieb sind! Und zweitens exportierte Tschechien in diesen Tagen überhaupt keine relevanten Strommengen. Das ist klar anhand des Saldos in der Mitte der Grafik ersichtlich. Man kann anhand der Grafik nur die folgenden Aussage treffen: Über das tschechische Stromnetz wurden zu diesem Zeitpunkt größere Strommengen aus Polen und Deutschland nach Österreich und in die Slowakei übertragen.

Anhand der obigen Analyse wird klar, dass die Kampagne der „Verbund-Gestalten“ auf völlig unhaltbaren Argumenten basiert. Der Hinweis auf die (falsch interpretierten) physikalischen Stromflüsse soll wohl für einen fachlichen Touch sorgen. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass diese Scheinargumentation auffällige Parallelen zu den jüngsten Aktivitäten der Bundesregierung aufweist, die in der Veranstaltung des „Anti-Atomstrom-Gipfels“ am 1. Juli ihren vorläufigen Höhepunkt fanden. Das Ziel dieser Aktivitäten: Den Eindruck zu erwecken, dass die (in Wirklichkeit nicht vorhandene) Abhängigkeit von Atomstromimporten das zentrale Problem der österreichischen Anti-Atom-Politik darstellt. Dies soll von den folgenden wirklichen Problemen ablenken: Schleichende Demontage der Anti-Atom-Politik seit dem Jahr 2000 mit möglichen Querverbindungen zu den Ex-Kanzlern Schüssel (heute im Aufsichtsrat des Atomkonzerns RWE) und Gusenbauer (als Aufsichtsratsvorsitzender von STRABAG für die Beteiligung des Konzerns am Mochovce-Projekt verantwortlich), Untätigkeit der Bundesregierung im Falle der widerrechtlichen UVP-Verfahren zu Temelin und Mochovce sowie bei der dringend erforderlichen Stilllegung von AKW´s ohne Containment als Konsequenz der Fukushima-Katastrophe. Das ganze erweckt den Anschein, als ob die Desinformationskampagne der „Atomverbund-Gestalten“ einen Teil der PR-Aktivitäten der Bundesregierung darstellen könnte.

Und zum Schluss noch ein Hinweis zum möglichen Zentrum dieses Verbund-Schmähs. Einige Facebook-Profile enthalten den Link zu „Am Himmel“. Dort erscheint eine Karte, welche die gleichnamige Örtlichkeit am Rande des Wienerwaldes zeigt. Bei Eingabe des Begriffes „Himmel“ in der Suchfunktion von Facebook erscheint dann umgehend der Himmelvater – gleich in drei anonymen Facebook-Profilen. Das dürfte also die Gottheit aller Atomverbund-Gestalten sein.  Es bleibt zu hoffen, dass der Himmelvater eine irdische Gestalt annimmt und erklärt, warum er und seine Jünger die durch die Fukushima-Katastrophe sensibilisierten Menschen für dumm verkaufen möchten und die Bundesregierung in ihren Scheinaktivitäten unterstützen, welche lediglich von der Demontage der Anti-Atom-Politik in Österreich ablenken sollen.

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